Archives

Sie betrachten das Archiv für October 2007

27 Oktober 2007

Haha! Kleiner Scherz...

Da die Archäologen aus Oxford gerade noch die Küche in Beschlag nehmen, wodurch ich an der Zubereitung meines Abendessens (gebratene Makaruni, Tomaten & iranischer Feta) gehindert werde, nutze ich einmal die Zeit um mein wertes elektronisches Tagebuch auf den neusten, bzw. einen etwas neueren Stand zu bringen. Was macht mein Leben in der Stadt, die um 23:00 Uhr schläft?

Heute hat unser Intensivkurs begonnen, von 9:30-12:00 Uhr haben wir von nun an fünf Tage die Woche in einer kleinen Gruppe (ca. 12 Personen) Farsi in der Mittelstufe 1 - cheily chube! Allerdings bin ich dadurch wieder bei meiner alten Lehrerin gelandet, in meinen Augen eine Veteranin des Klassenzimmers, mit entsprechendem Auftreten und entsprechender Didaktik. Zack zack & Reden wie ein Wasserfall. Woher kommen Sie? Warum studieren Sie Farsi? Lesen! Antworten! Wie viel Liebe braucht ein Kind? Mögen Sie Märchen? Interessant, Sie waren in Ägypten, da erzählen Sie doch nächste Woche dem Kurs mal etwas über Misr! Für meinen Geschmack (und vor allem mein Hörverstehen) etwas zu turbulent und sprunghaft, aber es soll ja spannend bleiben, weswegen ich einigermaßen zuversichtlich den kommenden sechs Wochen entgegen blicke, denn solange dauert der aktuelle Kurs. Außerdem war ich heute mal wieder in der City, und habe „Die Suche nach den Karteikarten“, Klappe, die 8., gedreht - und siehe da: Mit Erfolg! Zwar sind die Karteikarten hier dünn wie Butterbrotpapier, aber das hat ja auch etwas Gutes, denn so bekomme ich gewiss die 5fache Anzahl an Karten in meine AOL-Lernbox. Obendrein bin ich heute wieder durch die Buchläden der Enqelab gestromert und habe einen Autor entdeckt, über den ich mir vor meiner Abreise den Kopf zerbrochen habe, ob ich ihn in den Koffer legen sollte: Karl R. Popper oder Kaarl Pupr, wie er hier bekannt ist. Der Verfechter der offenen Gesellschaft stand mit dem Büchlein „Azadi wa mas’ulijat-e roushanfekr“ (Freiheit und die Verantwortlichkeit der Intellektuellen) im Schaufenster eines Buchgeschäfts gegenüber des Sepideh-Kinos. Wie sich herausstellte, führte der Laden - nebst Foucault, Nietzsche, Wittgenstein und anderen - tatsächlich ca. 30 Regalzentimeter Popper, darunter auch dessen Opus Magnum „Die Feinde der offenen Gesellschaft“ I und II, auf Farsi versteht sich. Da war ich gelinde gesagt überrascht, denn inwieweit Iran eine offene Gesellschaft ist, darüber lässt sich gewiss streiten; ich empfehle hier nur: Man lese Platon und Khomeyni parallel! Doch wahrscheinlich wird die Rolle der Intellektuellen einmal mehr humanistischen Idealen verfangen überbewertet und die Mär von der dem Schwert überlegenen Feder ist eben nichts weiter als das…

Ansonsten war ich inzwischen beim Friseur, bin allerdings der Meinung, dass eine radikale Kurzhaarkur mir durchaus dienlich sein könnte. Denn ich werde jeden Tag mindestens dreimal nach dem Weg nach A, B oder C gefragt und inzwischen wurde mir von diversen Seiten gesagt (zuletzt von einem Taxifahrer), ich sähe aus wie ein Iraner (oder alternativ Pakistani oder Afghane). Um solchen Missverständnissen in Zukunft einen Riegel vorzuschieben, sind in meinen Augen maximal 2,5cm Haupthaar durchaus angemessen, denn der orientalische Mann scheint auf seine dunkle, gegelte oder pomadisierte Haarpracht großen Wert zu legen. Leider kostet hier ein Haarrasierer zwischen 300.000 und 600.000 Rial (das entspricht etwa 25 bis 50 Euro), weswegen ich noch als verkappter Iraner diesen Eintrag schreibe. Doch ich bleibe am Ball und bin der festen Überzeugung: Die Tage meiner vermeintlichen einheimischen Haare sind gezählt! Und ehe ich es vergesse, eine weitere kurze Anekdote aus der Kategorie „orientalisches Outfit“: Ich war vor gut einer Woche in einem Photogeschäft, um Passbilder für meinen Uni Tehran-Ausweis zu machen. Wie sich später herausstellte, haben die Photographen ein paar chirurgische Änderungen an meinen Bild vorgenommen, wobei die massivste - abgesehen von dem rosigen Pascha-Teint - die Entfernung meines Muttermals auf dem Nasenbein darstellt. Be choda! Ich glaube es wird wirklich Zeit, dass hier einmal ein offeneres, will heißen anderes Menschenbild Einzug erhält. Ich werde mich ganz vorne dafür einsetzen und vielleicht hilft ein neuer Haarstil der Freiheit mehr als verantwortliche Intellektuelle.

So viel für heute, die Küche scheint geräumt, es ist nicht mehr ganz früh und ich habe gerade eine Mücke erlegt, die ich meinen Badezimmer-Salamander (siehe unten) zum Fraß vorwerfen muss. Ich hänge ein paar kunterbunte Photos ohne festes Thema an. Viel Spaß damit und ta ba’ad!
BuchfundeEndlich! Karteikarten!
Mirdamad Blv.: Iranischer SaturnMirdamad Blv.: Welt 2.0 trifft Welt 1.0Enqelab: Mural 1Enqelab: Mural 2Enqelab: Sepideh Kino, Asien, Bollywood, Dänemark (Lars von Trier)Vali Asr: Iranisches FilmmuseumVali Asr: Filmmuseum, Iran-Irak-KriegsfilmeVali Asr: Filmmuseum, KinderfilmeVanak: SpaceburgerTajrish: Die deutsche BäckereiTajrish: BusbahnhofTajrish: Der Moschee neue KleiderNilufar: Shar-e shokolatNilufar: Paradiesisch, und Haribo für 3 für 2

21 Oktober 2007

Wo sind eigentlich die Perser hin?

Es ist schon fast eine Woche her, da habe ich eine kleine, aber in meinen Augen interessante Entdeckung gemacht. Ich war einmal wieder auf der Suche nach DIN A8 Karteikarten - inzwischen bereue ich es sehr, am Hamburger Flughafen beim Einchecken meinen Karteikarten wegen Übergewicht aus dem Koffer geworfen zu haben, denn man bekommt wirklich alles in dieser Stadt außer linierte DIN A8 Karteikarten! Diesmal suchte ich die ersehnten Karten also in einem kleinen Schreibwarenladen am Tajrish, doch wieder kein Erfolg. Dafür aber entdeckte ich in einem Regal hinter dem Verkäufer eine schwarze DVD-Hülle mit blutroten Lettern: „300“. Die Comicverfilmung von Zack Snyder über die Schlacht bei den Thermopylen, 300 Spartaner gegen 1.000.000 Krieger des altpersischen Großkönigs Xerxes. Ein Ereignis, überliefert vom griechischen Historiographen Herodot, welches im 5. Jahrhundert vor Beginn unserer Zeitrechnung stattgefunden hatte, 1998 vom US-amerikanischen Comicautor Frank Miller zu Papier gebracht wurde und 2007 schließlich als überstilisiertes und bluttriefendes Heldenepos in die Kinos kam - und prompt eine kleine internationale Krise auslöste (siehe beispielsweise hier, hier und hier). Die Journalistin Azadeh Moaveni schrieb in Anspielung auf die Headline einer iranischen Tageszeitung im Time-Magazine: „It is going to take an act of foolhardy courage to distribute that film in Iran. It will truly be 70 million against 300.“

Entsprechend überrascht war ich, den Film hier zu finden. Obgleich diese Überraschung möglicherweise ungerechtfertigt ist, denn in den Läden an der Chiabune Jumhuri bekommt man jeden ausländischen Film, bereits 3 Minuten nach dem er in Los Angeles über die Leinwand flimmerte. Nichtsdestotrotz wollte ich die Gelegenheit nutzen und mir selbst ein Bild von „300“ und seinem kulturkämpferischen Potenzial machen (zumal ich den Film bis dato nicht gesehen hatte). Also habe ich den Film (gebrannt auf zwei CDs und in krakeliger Schreibschrift beschriftet - selbst für iranische Verhältnisse äußerst unprofessionell) gekauft und am Freitag in meinen Laptop geworfen. Wer „Sin City“ mochte, wird an dem bildgewaltigen Film seine Freude haben. Wer eine historische Lehrstunde erwartet, hat etwas grundlegend nicht verstanden. „300“ war, wie gesagt, ursprünglich ein Comic, klare Bilder, kaum Nuancen und Zentrum des Films (bzw. noch mehr des Comics) ist ein Haufen Spartaner, reduziert auf einen einzigen Aspekt: Mord und Totschlag. Xerxes (der in der Tat etwas lächerlich, um nicht zu sagen *** aussieht) und seine Horden sind dafür nicht mehr als die Folie, vor der die Protagonisten aus Sparta in Aktion treten. Wie es sich für einen klassischen Folien-Film - einem Film, dem es nur um eine Seite, einen Aspekt geht – geziemt, sind sämtliche Antagonisten maskiert, gewissermaßen unpersönlich (unmenschlich hingegen wirken eher die spartanischen Kampfmaschinen). Die Aktion kann sich also ganz auf die 300 konzentrieren.

Wie dem auch sei, warum das große Tohuwabohu um diesen Film? Eines wurde relativ schnell deutlich: Wann immer in der englischen Tonspur von „Persians“ die Rede war, sprachen die Farsi-Untertitel von „Iranern“. Das kann natürlich falsch aufgefasst werden und das Ziehen von Parallelen ermöglichen, wo nie Parallelen angedacht waren. Das Problem ist, der Terminus „Persien“ ist eine okzidentale Konstruktion, Bezug nehmend auf die iranische Einzelregion Pars; in Iran war hingegen für die hiesige Bevölkerung - auch zu antiken und vorantiken Zeiten - stets der Begriff „Iraner“ (von Eran Schahr) verbreitet, von „Persern“ hingegen keine Spur. Somit fällt das Differenzieren schwer. Während der Film sich auf die alten Perser bezieht (in deren Tradition sich allerdings auch noch viele Iraner des 21. Jahrhunderts sehen, man bedenke nur die Nu-ruz-Feierlichkeiten zum Jahreswechsel), wird in der Farsi-Version von „300“ durch die Bezeichnung „Iraner“ (für die eigentlich gemeinten Perser) eine direkte Kontinuität zwischen Thermopylen und dem heutigen Iran etabliert. Dumm gelaufen. Inwieweit allerdings ein nicht-iranisches Publikum tatsächlich Parallelen zwischen den Persern aus Snyders Comicverfilmung und dem aktuellen Iran zieht, sei dahin gestellt (siehe hierzu auch hier). Viel spannender ist die Frage, wer, wann, wie in Iran den Diskurs mit dem 300-Thema angereichert hat. Aber diese Frage übersteigt allerdings meinen aktuellen Kenntnisstand.
Iraner!Noch mehr Iraner!Heute befreien wir eine Welt von Mystizismus und Despotismus! - Achso...

15 Oktober 2007

Drei Tage, drei Städte...

...ein guter Schnitt, fast wie in alten Interrail-Tagen. Wie im letzten Eintrag angekündigt, habe ich zusammen mit drei anderen deutschen Studenten das Wochenende bzw. den id-fitr-Feiertag dazu genutzt, um einen ersten Kurztrip gen Zentraliran zu starten. Kashan, das Bergdorf Abyuneh und Yazd standen auf dem Programm. Gereist sind wir mit dem Bus, was immer etwas abenteuerlich ist, wenn man den iranischen Fahrstil und die Qualität vieler Überlandstraßen bedenkt und sich außerdem vor Augen hält, dass es hier jährlich ca. 27.000 Verkehrstote gibt (in Deutschland waren es 2006 knapp über 5.000); AP sprach erst jüngst von den iranischen Straßen als zu den „gefährlichsten weltweit“ zählend. Wenn mich nicht alles täuscht, stammt zudem nur ein Bruchteil dieser Unfalltoten aus dem Stadtverkehr; da sind die Straßen so verstopft, dass es meistens bei Blechschäden bleibt. Wir haben uns dann für zuerst für einen Volvo entschieden (die sollen angeblich sicherer sein als die alten Mercedes-Busse, doch wenn man einen Days-of-Thunder-Fahrer erwischt, ist es bald herzlich egal, ob man in einem schwedischen oder einem deutschen Geschoss sitzt), haben dann zwischenzeitlich auf die gute alte Bahn umgesattelt und die Rückfahrt mit einem Scania angetreten. Aktuell würde ich sagen, die Bahn bringt’s auch in Iran, zumal Fliegen hier langsam etwas heikel wird, da das internationale Embargo gegen das Land vor allem den Flugverkehr trifft, weil für Wartungsarbeiten primär europäische oder amerikanische Teile benötigt werden (den russischen traut man nicht über den Weg, wie mir ein iranischer Bekannter erzählte). Doch weg von Transportfragen, hin zur Reise an sich - der Reihe nach, was ist wo, wie passiert.

Kashan – City of Silence
Unsere erste Station, die Kleinstadt Kashan, wurde uns von verschiedenen Seiten wegen ihres beschaulichen Lebens, ihrem entspannten Bazar und ihren architektonischen Zeugnissen der Qajaren-Zeit ans Herz gelegt. Das Architektonische war dann auch in der Tat sehenswert. So reihen sich beispielsweise entlang des Bazars verschlafene Hinterhöfe mit Wasserbassins und Blumenbeeten und in der Altstadt liegen mehrere restaurierte herrschaftliche Häuser (offenbar gab es davon einst hunderte in Kashan, doch die meisten wurde inzwischen vom Zahn der Zeit zernagt). Wir waren im Chuneh-ye Ameriha, Herrschaftssitz eines Gouverneurs der Qajaren, mit vier Innenhöfen, zwei Badehäusern, Dutzenden Zimmern und einem grandiosen Dachausblick über Kashan und die fernen Zagros-Berge. Der Bazar hielt ebenfalls, was versprochen worden war; keine Hektik, ansonsten aber ein ganz normaler Bazar (wobei sich darüber streiten ließe, ob ein unhektischer Bazar im Orient als normal gelten kann). Das Beste an Kashan war aber das beschauliche Leben in der Altstadt, wobei der Ausdruck „beschauliches Leben“ die Situation nicht zur Gänze erfasst. In der Altstadt von Kashan schlenderten wir durch von Lehmmauern gesäumte Straßen in denen absolute Stille herrschte; Beige und Braun dominierte die Szene, während über uns ein absolut klarer blauer Wüstenhimmel hing. Sehr beeindruckend, wenn man gerade aus dem turbulenten Teheran kommt und in meinen Augen das beste Erlebnis in Kashan.

Abyuneh – The Hills Have Fleas
Nach einem Tag Kashan haben wir uns bei einer Travel Agency ein Tagestaksi (Savari) besorgt, um von Kashan ins etwa 80km entfernte Bergdorf Abyuneh zu düsen; düsen trifft es in diesem Fall genau, denn in meinen Augen gibt es nach den Überlandbussen nur noch ein gefährlicheres Vehikel in Iran und das sind ca. 20 Jahre alte Paykan-Überlandtaksis, ohne Stoßdämpfer und Sicherheitsgurte, dafür aber mit waschechten DoT-Fahrern. Ich hasse solche Touren! Vor allem wenn in Kurven und Serpentinen immer schön in die Mitte der Gegenfahrbahn gefahren wird, weil man ansonsten ja abbremsen müsste - wird schon gut gehen, inshahallah, und tatsächlich, wir haben’s überlebt. Auf der Hinfahrt gab’s dann auch noch ein kleines Schmankerl: Die Atomanlage von Natanz, mitten in der kargen, braun-schwarzen Einöde, schon von weitem angekündigt durch diverse Flak-Stellungen, die auf der Suche nach israelischen oder US-amerikanischen Besuch, ihre Mündungen in den Himmel reckten. Abyuneh war dann noch mal eine Steigerung gegenüber Kashan. Zwar ist das kleine Dorf, dessen rote Lehmhäuser sich an eine Bergklippe schmiegen, in meinen Augen gar nicht sooo spektakulär, dafür ist aber die Gegend selbst umso eindrucksvoller. Gigantische rostbraune, zerklüftete Berge, dazwischen ein grünes Tal und knallblauer Bergruhe - die erneute totale Ruhe muss ich wohl nicht extra erwähnen. Ich kam mir vor wie auf dem Mars (sieht man mal von dem grünen Tal ab) und weiß nicht, ob die Bilder unten diesen Eindruck wirklich widerspiegeln können. Sollte ich noch mal länger im Iran sein, sollten ein paar Tage Wandern in den Zagros-Bergen von Abyuneh auf jeden Fall auf dem Programm stehen. Eine kleine Kostprobe haben ich und Ulf (einer der deutschen Studenten) dann auch gleich genommen und sind in die Berge hineinmarschiert. Auf dem Rückweg sind wir dann auf einige Schäferhöhlen gestoßen und haben den fatalen Entschluss gefasst, in eine der Höhlen hineinzuschauen; wir hatten Mutanten erwartet (die Gegend passte bestens in Alexandre Ajas Wes Craven-Remake), fanden aber, wie sich alsbald herausstellte, nur jede Menge FLÖHE, bzw. sie uns. Das war nun mal gar keine angenehme Angelegenheit, zumal jeder von uns wohl an die 100 Plagegeister abkommen hatte. In einer ersten Reinigungsarie in Shorts in einem Hinterhof von Abyuneh - begleitet von dem Gedanken im nächsten Moment aufgrund angeblicher Schwulitäten festgenommen zu werden - konnten wir zwar die meisten Biester loswerden, haben uns dann aber zurück in Kashan erstmal fesche iranische Stoffhosen gekauft und uns ausgiebig geduscht, was laut Auskunft eines Apothekers hätte helfen sollen. In meinen Fall hat es das auch, aber Ulf ist wohl nicht alle blinden Passagiere losgeworden und hat sich dummerweise eine bakterielle Infektion + fiesen Hautausschlag eingefangen, wie sich in den folgenden zwei Tagen herausstellte.

Yazd – Der Hippietrail lebt!
Entfloht (zumindest dachten wir das) sind wir dann von Kashan mit dem Nachtzug nach Yazd gefahren. Yazd gilt als eine der ältesten Städte Irans (die Altstadt soll laut UNESCO sogar einer der ältesten Siedlungsräume der Welt sein) und war einst Zentrum des zoroastrischen Glaubens. Was die Stimmung in der verwinkelten, teils überdachten, durch Lehm- und Sandbauten dominierten Altstadt angeht, lässt sie sich diese mit Kashan vergleichen, auch wenn Yazd in Sachen Größe Kashan weit übertrifft. Das markanteste Charakteristikum von Yazd sind die vielen Badgirs, die Windtürme bzw. dem Wortlaut gemäß „Windgreifer“; aus vielen Dächern der Stadt ragen sandfarbene Türme, die jeden noch so schwachen Windhauch einfangen und über ein System aus Lüftungsschächten und Wasserkühlungen in das Innere von Gebäuden leiten, um dort für angenehmes Klima zu sorgen. Neben der Altstadt und ihrer Badgir-Skyline waren besonders die zoroastrischen Grabberge, die sogenannten Dakhmeh-ye Zartoshtiyun, imposant; zwei gewaltige Berge am Rand der Wüste, auf deren Spitzen einst die Anhänger des zoroastrischen Bekenntnisses ihre Toten „beluftigten“. Um die Erde durch die Toten nicht zu verschmutzen, führten die Zoroastrier Luftbestattungen durch. Dabei wurden die Toten auf den Bergen drapiert und ihr Fleisch von tierischen Aasfressern verspeist. (Seit den 1960er Jahren ist man allerdings dazu übergegangen, Tote in Betonsärgen zu bestatten.) Eine ganz neue Erfahrung bot sich schließlich in unserem Hotel (Silk Road), direkt an der Freitagsmoschee von Yazd: Ausländische Touristen! Und zwar eine ganze Handvoll. Neben verschiedenen Reisegruppen und einigen Individualtrekkern hatten sich dort auch einige Blumenkinder eingefunden, die auf dem Weg nach Pakistan mit Endziel Indien waren. Außerdem sind wir dort zwei Dänen (24 und 25 Jahre alt, beide Umweltwissenschaftsstudenten) begegnet, die von Dänemark ebenfalls auf dem Weg nach Indien waren - mit Motorrad, um vom Vertrauten ins absolut Fremde zu reisen, dabei aber fließend von einer Kultur in die nächste zu wechseln und so den Wandel der Verhältnisse nicht als Zäsur zu erleben. Coole Sache! Inzwischen müssten sie im pakistanischen Grenzgebiet angekommen sein.

Für uns ging es vorgestern zurück nach Teheran und inzwischen waren wir wegen unserem Floh-Vorfall auch noch mal beim Arzt des Vertrauens der deutschen Botschaft (und haben prophylaktisch Anti-Floh-Seife und -Shampoo verschrieben bekommen). Summa summarum eine erster schöner Kurztrip, sieht man von den Flöhen und der Pfefferminz-Pizza in Kashan ab, auf die wir zurückgreifen mussten, weil das Delpazir, laut Lonely Planet das beste iranische Restaurant um Fesenjun zu essen, dauerhaft dicht gemacht hatte. Weitere Reisen werden gewiss folgen!
Teheran: Getting startedKashan AltstadtKashan: Auslandsstudium gefällig?Kashan: Flucht aus cthuloiden SchächtenKashan: Bazar HinterhofKashan: Agha Bozorg MoscheeKashan: Agha Bozorg Moschee - auch Sport muss sein!Kashan: Chune-ye AmrihaKashan: Dach des Chune-ye AmrihaKashan: KäseKashan: Klopfen für die Damen, Klopfen für die HerrenKashan: EinkaufenKashan: Kulinarische Schätze des Orients, Popcorn zum BeispielKashan: Enemenemopel im Iran isst man...Abyuneh: AnfahrtAbyuneh: Das DorfAbyuneh: Das Dorf 2Abyuneh: FastenbrechenAbyuneh: BerglandschaftAbyuneh: Ich habe keinen Bauch! Das ist die Kameratasche!Abyuneh: Ein weiterer Totenschädel-Skandal!Abyuneh: Fatale Entscheidung - Flöhe!!!Kashan: New PantsNach Yazd: Teatime on TrainYazd: AbenddämmerungYazd: SonnenuntergangYazd: Silk Road HotelYazd: Von Dänemark nach IndienYazd: Bei Nacht, direkt gegenüber des Silk RoadsYazd: Badgir-SkylineYazd: Badgirs der ModerneYazd: Der höchste Badgir der Stadt, 33mYazd: Badgirkammer von InnenYazd: Pipsi keeps us goingYazd: SpielplatzYazd: Deutsche Touris mit Guide in der FreitagsmoscheeYazd: Zoroastrischer GrabbergYazd: Zoroastrischer Grabberg 2Yazd: Ausblick auf Yazd vom Grabberg, vorne der aktuelle zoroastrische FriedhofYazd: Dach einer zoroastrischen RuineYazd: Zoroastrischer Feuertempel (Ateshkadeh)Yazd: Ewige Flamme im Ateshkadeh (brennt sie wirklich seit dem Jahr 410 u.Z.?)Yazd: Wie war das mit dem barg be amrikah?Rückfahrt: Zagros-BergeRückfahrt: Kulinarisches Abenteuer in einer Raststätte

10 Oktober 2007

Das Große Krabbeln I & II

Da die großen Erzählungen bekanntlich inzwischen zu Grabe getragen worden sind, werde auch ich der Chronologie den Laufpass geben und mich dem Fragmentarischen, dem Situativen zuwenden. Somit gibt es nun quasi eine „The Best of“-Berichterstattung, da mich alles andere auch über Gebühr an den Rechner fesseln würde.

Ich habe in der Alltagsanwendung ein neues Wort gelernt: Susk bzw. Susk-e Hammam. Susk ist geschätzte 20cm groß, doppelt so lang mit Fühlern, besitzt einen hellbraunen Chitinpanzer und garstige Widerhaken an den Beinen (von denen es meines Erachtens sechs hat). Und Susk saß vor ein paar Tagen auf meinem Zimmertürrahmen und war dabei Flugübungen zu machen; zumindest sah es für mich danach aus, doch inzwischen bin ich mir nicht mehr sicher, ob Susk überhaupt fliegen kann. Ich bin ja sonst kein allzu schreckhafter Mensch (was Flora und Fauna angeht), doch Susk war wirklich… beeindruckend, um es euphemistisch zu formulieren. Da Susk auch noch der europäische Inbegriff für Krankheit, Unhygiene, Tod, Verwüstung, Pestilenz und einiges mehr ist, erreichte meine Beeindrucktheit bis dato ungekannte Ausmaße. Zumal ich nicht einfach den nächsten Puschen greifen konnte, um Susk damit zu Leibe zu rücken – Susk sah so aus, als hätte es schon drei Paar Wanderstiefel zum Frühstück verputzt und darüber hinaus hätte Susk unterm Puschen eine gewaltige Splatter-Orgie verursacht, die mein Zimmer gewiss auf Wochen unbewohnbar gemacht hätte. Letzten Endes habe ich Susk dann mit einer aufgeschnitten Wasserflasche eingefangen und auf den Balkon bugsiert. „Leider“ ist Susk dabei am Boden der Flasche auf den Rücken gefallen und hat in dieser Position die letzten zwei Tage verbracht. Heute Morgen, im Tehraner Frühnebel, ist Susk von uns gegangen. Die Trauergäste waren aber auch schon da; einen Nachzügler habe ich gerade erst im Waschkeller getroffen. Da mir gesagt wurde, Susk und seine Freunde seien das „iranische Haustier“ par excellance, ganzgleich wo man wohne, habe ich mich inzwischen mit der Situation abgefunden, mein Badezimmer bzw. die dortigen Abflüsse hermetisch versiegelt (endlich hat Cheops’ Dasein einen Sinn!) und prüfe dreimal meine Schuhe, bevor ich hineinschlüpfe. Allerdings sind mir unser weißer Gartenfuchs und der Duschkabinen-Salamander immer noch lieber als Susk’s Genosssen. Soviel zu Teil I.

Teil II hat bereits am 07. Oktober stattgefunden und zwar in der Residenz des deutschen Botschafters direkt nebenan; ein verzögerter Empfang zum Tag der deutschen Einheit (am 03.10. konnte dieses denkwürdige Ereignis zur Erinnerung an „blühende Landschaften“ aufgrund des Imam Ali-Tages nicht begangen werden). Ursprünglich war eine Garten-Partey (treffender ist Park-Partey, denn der Residenzgarten ist wahrlich groß) geplant, die aber im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser fiel, da am Abend – während durch die Straßen testweise „Ode an die Freude“ und „Meiner kleiner grüner Kaktus“ scholl – dunkle Gewitterwolken aus den Bergen herab kamen. Im Endeffekt drängten sich alle erlauchten 800, bzw. 2000, bzw. 3000 Gäste (die Zahlen widersprechen sich, aber voll war es alle mal) im Wohnzimmer der deutschen Residenz und den angrenzenden Räumlichkeiten. Es gab lecker Buffet mit Kartoffelsalat und Würstchen (leider iranische), einheimische Reisgerichte, ein Rede, einen Kinderchor, eine Erfan-Band, diverse iranische Schauspielgrößen (olala!) und Regen, Regen, Regen. Ich habe mich mit meinen iranischen Freunden gut unterhalten und außerdem einen deutschen Professor für Atmosphären-Forschung aus Mainz kennen gelernt, der gerade in Esfahan eine Station zur Messung der Luftverschmutzung aufgebaut hat (ein lange überfälliges Projekt). Der Abend war unterhaltsam, die Begegnung mit Susk aber in der Tat spannender.

Ansonsten bin ich am Dehkhoda inzwischen in einen neuen, kleineren Kurs gewechselt (was sehr gut ist, auch wenn die Inhalte noch sehr einfach sind), habe gleich zur Einstimmung Hänsel & Gretel auf Farsi erzählt (was sich in etwa so anhörte: „Pesar-e badsche wa charharasch be dschangal-e bozorg madschbur budand berawand, dschon pedar-o-madareschan cheily bipul budand wa pas anha baraye kudakaneschan radha nadashtand…“) und mir ein phattes iranisches Handy zugelegt (okay, ist von Motorala), damit ich ganz kosmopolitisch gleichzeitig mit Deutschland und Iran in Verbindung bleiben kann. Da sich inzwischen das Ende des Ramadan nährt, hoffen wir auf ein paar freie Tage übers Wochenende, um eine erste Irantour zu starten. Morgen früh fahren ich und einige der deutschen Studenten auf jeden Fall mit dem Bus in die kleine, traditionelle Bazarstadt Kashan an den Ausläufern der Zagros-Berge und - wenn der Mond mitspielt - später noch weiter in die Wüstenstadt Yazd. Das wird sicher interessant, Berichte folgen. Vorerst verbleibe ich mit schönen Grüßen aus Teheran und sage: Choda hafez!
SuskCheops AbflussbarikadeBadewannensalamanderIm Regen...LuftballonsRegen...Garten... Park... wie auch immerSocializingEcht schnieckeDeutschiranische VampireLinks, ein berühmter Schauspieler

05 Oktober 2007

Bücher, Berge, Badminton

Lang leben die Alliterationen! Doch ich bin zu müde, um einen besseren Titel zu kreieren. Die letzten Tage im Schnelldurchlauf, denn morgen ist hier Montag (shanbeh), das heißt früh aufstehen, diverse Dinge erledigen und dann nachmittags Sprachkurs, deswegen sollte es relativ früh ins Bett gehen und darum wiederum gibt es keine umfassende Retrospektive.

Vorgestern war hier ein hoher religiöser Feiertag (der Todestag von Imam Ali, der 4. Kalif und zentrale Bezugsgestalt der schiitischen Konfession), weswegen die Millionenmetropole einen seltenen Moment der Ruhe erlebt hat. Ich habe den Tag genutzt, um meine Füße zu regenerieren und mich mit Ferdowsi vertraut gemacht. Gestern bin ich dann mit einem Taksi ins Stadtzentrum gedüst, habe mich in der deutschen Botschaft gemeldet, Ingo und meine Blutgruppe kennen gelernt (besser ist, man weiß ja nie, danke Lisa) und bin anschließend durch den quirligen Stadtkern geschlendert. Wenn jemand E-Gitarren, LG-Flachbildschirmfernseher und Verstärker in Teheran sucht, dann empfehle ich die Jumhuri-e Eslami Straße, da findet man alles. Ich war im Stadttheater, das leider gerade renoviert wird und aktuell kein Programm hat und bin dann weiter Richtung Universität Teheran gestromert, dorthin, wo laut dem Lonely Planet die größte Buchhandlung der Welt zu finden ist; genauer genommen sind es unzählige kleine Buchgeschäfte, die sich an der Chiabune Enqelab, der „Straße der Revolution“ ballen. Da ja immer noch Ramadan und im Zentrum der Stadt extrem viel Verkehr (ergo nicht die beste Luft) ist, habe ich den Buchbummel allerdings nach einiger Zeit abgebrochen, da ich nicht völlig ausgelaugt auf dem Asphalt zusammenklappen wollte. Mit einem überteuerten Taksi ging es dann zurück gen Norden und siehe da, am Tajrish war die Luft zumindest meiner Nase nach auch gleich um Meilen klarer. Heute ging es dann mit einem Großteil der restlichen deutschen Dehkhoda-Studenten in die Berge, die sich, wie ja schon auf den Photos zu sehen war, direkt im Norden der Stadt in den Himmel schieben. Eine kleine Bergwanderung gehört wohl mit zu den sonntäglichen Lieblingsbeschäftigungen der Tehraner (und auch sonst sieht man am Meydan-e Tajrish immer wieder Frauen und Männer mit Trekkingrucksäcken und Wanderstöcken), allerdings waren die Bergpfade heute relativ mager frequentiert, was aber wohl am Ramadan liegt (da wollen die wenigsten eine Bergwanderung auf sich nehmen). Eine Liftfahrt, ein großartiger Ausblick über Teheran, nicht vorhandener Autolärm und noch klarere Luft gehörten mit zur Ausflugstour und haben den Nachmittag sehr angenehm gemacht. Anschließend sind wir noch, begleitet von Rabengesängen, durch den Sa’d Abad Komplex spaziert - ein großes Areal, das einst dem Schah als Sommerresidenz diente und heute mehrere Museen umfasst. Danach nach hause und jetzt will ich nur noch schlafen; das wird wohl auch möglich sein, denn heute steht offenbar kein abendliches Badminton-Turnier auf der Terrasse an, wie die letzten Abende. Wie gesagt, morgen ist Montag. Guten Abend, gute Nacht, shab be-cheyr!

Im GartenFerdowsiimGartenStadtverkehrHightechampelnBergliftSeilbahn (teleski)Seilbahnfahrt hochSeilbahnfahrt runterBergstadtpanoramaDas Wandern ist des...... das Waa-aan-dernMoscheeamTajrish

02 Oktober 2007

Vergangenheiten, verletzte Füße, Familiarity

Kein Sprachunterricht heute, also was tun? Meine Füße sagen, sehr gut, hinsetzen, hinlegen, nicht bewegen - aber schließlich treibt es mich doch auf einen Erkundungsgang. Erstmal nur im Institut selbst, da sind die Füße noch froh, weil sie in luftigen Latschen stecken. Zufällig stoße ich auf eine Broschüre des DAIs aus dem Jahre 1988 und erfahre so, daß ich in einer altehrwürdigen Institution zu Gast bin. Denn bereits am 21. April 1829 wurde in Rom unter der Ägide von Eduard Gerhard das „Instituto di corrispondenza archeologica“ gegründet, um Zeugnisse der Antike zu erforschen und zu bewahren; 1832 ging Gerhard nach Berlin, wo das Institut noch heute seinen Hauptsitz hat. Nach dieser Reise in die Vergangenheit zieht es mich, trotz Protest meiner Füße, nach draußen; ihnen zuliebe steht nur wenig auf dem Programm: eine iranische SIM-Karte fürs Mubail besorgen, Wasser holen und eine Batterie für die Institutsuhr besorgen und dann abschließend die Füße in dem neuen Park, der mir gestern gezeigt wurde, entspannen.

Erneut geht es also gen Tajrish, diesmal aber einen anderen Weg direkt an einem Kanal entlang mit schönem Blick auf die nahe gelegenen kargen Bergmassive. Der erste Laden am Tajrish, in dem ich nach einer SIM frage, hat keine, dafür aber Barbie-Computerspiele und DVDs mit Til Schweiger (von denen ich noch nie etwas gehört habe) sowie iranische und indische Produktionen. Ich bekomme aber eine ausführliche Wegbeschreibung zum nächsten Iran-Cell-Shop, samt gezeichneter Karte; einfach rüber über den Tajrish, dann beim Hospital in die Chiabune Niku et voila. Geht natürlich nicht so einfach, genau genommen finde ich weder die Niku, noch den Cellphone-Laden. Dafür schlendere ich dann das erste Mal über bzw. durch den Tajrish-Bazar, was ja auch viel interessanter ist als ein SIM-Karten-Laden. Anschließend hole ich mir in einem Supermarkt als Notration erstmal - alle kulinarischen Kosmopoliten sollten den Satz jetzt nicht zu Ende lesen - Pasta und Ketchup made in Maschad; da kommt übrigens auch die iranische Coca-Cola her (und ich dachte immer, die würde aus Dubai importiert - wieder was gelernt). In einem Laden, der DVDs, Konsolenspiele und Epson-Druckermaterial verkauft, starte ich Versuch 2 eine SIM-Karte zu bekommen, erfahre aber nur, dass ich dafür über den Tajrish müsste, irgendwo zum Krankenhaus. Das ist ja schon mal ein Erkenntnisgewinn, denn offensichtlich gibt es den Iran-Cell-Laden tatsächlich, ich habe ihn nur nicht gefunden. Da mir aber inzwischen nicht nur die Füße, sondern auch die Beine vom „schonenden“ Gehen (besser: Staksen) durch Muskelkater schmerzen, verschiebe ich den SIM-Karten-Kauf vorerst. Stattdessen husche ich ein paar Mal über die Vali-Asr-Hauptstraße (was in der Tat nicht ganz ungefährlich ist), um die Batterie zu besorgen und trete dann den Rückweg an. Vorher besuche ich aber noch meinen ersten iranischen Buchladen (die Buchladen-Straße im Stadtzentrum steht trotzdem noch ganz oben auf meiner mentalen To-Do-Liste) und stöbere durch die Regale: Alles da an Büchern. Guiness-Buch, Gandhi und Guevara (Che), alles auf Farsi versteht, selbst das Handbuch zum neuen W-Vista und die obligatorischen Tin Tin-Bände (obgleich ich sagen muss, dass die Bildqualität der ägyptischen besser ist). Ich halte mich am Ende zurück (die Tour zu den Buchläden im Zentrum wird schon kostspielig genug werden) und kaufe nur ein bebildertes Heft mit einem Märchen. Solche Übersetzungsarbeit übt, wie ich finde, ungemein. Als ich draußen vor der Tür noch mal einen Blick auf das Heft werfe bekomme ich einen Schreck: Auf dem Cover - das zudem fast aussieht wie von Marvel - steht etwas von „Kaisern“, gefolgt von einem Wort, das ich nicht kenne, für mich aber aussieht wie „Pahlavi“. Ai veh, denke ich, hoffentlich habe ich nicht aus Versehen eine Lobeshymne auf die Schah-Familie, die 1979 gestürzt wurde, gekauft. Das Wörterbuch verschafft dann Abhilfe: Das Wort heißt „Pahlewan“ und bedeutet schlicht „Held“ oder „Recke“. Erst jetzt bemerke ich auch, dass es eine Geschichte des berühmten iranischen Dichters Ferdowsi (935-1020), von dem man sagt, daß er einst mit seinem Opus Magnum, dem „Schahnameh“ (Buch der Könige), dazu beitrug, Farsi lebendig zu halten.

Auf dem Rückweg werde ich dann zum zweiten Mal von einem Iraner nach dem Weg zum… keine Ahnung, gefragt, und ein anderer erklärt mir - nachdem der erste abgerauscht ist - seelenruhig, wohin ersterer wollte. Dass ich nicht von hier bin, scheint beiden nicht aufzufallen. Später schaue ich auf ein Photo, das ich früher am Tag von mir gemacht habe - könnte vielleicht sogar passen, jetzt muss nur noch mein Farsi besser werden...

BergeNoch mehr BergeKanalAm Kanal

01 Oktober 2007

Es geht los...

Mit leerem Magen und einem Beutel voller Persischvokabeln

Tag 2 in Teheran beginnt mit Hunger. Meine Nuss- und Schokoladenvorräte gehen zu neige, also wird es Zeit, den einheimischen Geschäften einen Besuch abzustatten. Als ich also am frühen Vormittag im strahlenden Sonnenschein aufbreche, bin ich frohen Mutes, daß ich mir bald in einem nahen Park den Bauch voll schlagen kann. Im nächsten kleinen Lebensmittelladen an der Chiabane Akbari besorge ich mir dann Brot und Wasser; ja, die kulinarischen Gourmets und vor allem meine liebe Mutter mögen nun die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sich denken, ai veh, wieso ißt der Junge nichts Vernünftiges - doch will ich mich vorerst langsam an die hiesige Küche herantasten und nicht gleich mit der Tür ins Haus bzw. mit der Kelle in die Suppe fallen (dazu später mehr).

Beladen mit nan wa ab-e madani spaziere ich die Akbari hinauf, halte Ausschau nach einem Platz zum Frühstücken und prompt fällt mir ein: Es ist ja Ramadan! Ergo essen und trinken nur vor der Morgendämmerung bzw. nach Einbruch der abendlichen Dunkelheit und das noch ganze neun Tage. Da ich nicht vorhabe, negativ aufzufallen, verschiebe ich das Frühstück also vorerst auf ein unbestimmtes Irgendwann und gehe direkt zum Dehkhoda. Als notorischer Nicht-Frühstücker sollte ein frühstückloser Tagesbeginn eigentlich kein großes Problem sein. Doch als ich schließlich auf Seite 4 meines Einstufungstest ankomme (und vorher noch diversen Papierkram ausfüllen musste), merke ich, dass mir die Energie ausgeht und die Konzentration nachlässt. Die Folge: Ich lande im 1. Kurs der Mittelstufe - auf einer Skala von 1 (cheili bad) bis 6 (cheili chub) ist das Platz 3. (Vielleicht hätte ich aber auch in den Wochen vor meiner Abreise etwas mehr meinen Farsi-Unterricht rekapitulieren sollen, das wäre gut möglich, das Frühstück kann ja nicht an allem Schuld sein…) Wie sich später herausstellt ist die Hälfte der deutschen Sprachstudenten allerdings auch in diesem Kurs gelandet und schlecht ist die Kurszuteilung sicherlich auch nicht, denn so bleibt etwas Zeit um sprachtechnisch wieder warm zu werden.

Neben meinem ersten nachmittaglichen Sprachkurs am Institut verbringe ich den Tag damit die Vali Asr-Hauptstraße entlang zu spazieren, über den quirligen Tajrish zu schlendern und eine erste Melone zu kaufen - das war vergleichsweise einfach, während sich der Kauf von Pistazien (Iran ist berühmt dafür!) als vergleichsweise kompliziert herausstellt. Noch vertrackter ist dann allerdings der Besuch in einer Apotheke, wo ich versuche Blasenpflaster für meine lädierten Füße zu kaufen; drei Verkäuferinnen waren nötig um mein Gesuch zu verstehen - inzwischen glaube ich, dass ich anfangs von „Pflaster“ im Sinne von „Straßenpflaster“ gesprochen habe, weil man mir zuerst eine Hornhautraspel andrehen wollte und erst nach einer erneuten Konsultation des Wörterbuchs die gewünschten Pflaster (jasbe zachm) auf dem Tresen lagen: DermaPlast von Hartmann, original aus Österreich, 13.500 Rial, ca. 1 Euro, cheili mamnun wa choda hafez. Den Tag beschließe ich dann mit einigen der deutschen Sprachstudenten am nächtlichen Tajrish-Platz bei einer Suppe (ja, ich glaube, das ist die richtige Bezeichnung). War geschmacklich interessant und nun definitiv lokale Küche - ich glaube aber, ich bleibe vorerst noch bei Wasser, Brot und Obst. Die Melonen sind genial!
Zum InstitutDas Sprachinstitut an der Vali AsrDehkhodaSuppe...