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21 November 2007

»Für den Müll«

Heute ist eine schmutzige Wahrheit ans Licht gekommen. Wir saßen gerade in unserem Klassenzimmer im Dehkhoda-Institut und haben darüber gesprochen, in welchem Jahrhundert wir gerne leben würden, da drang von der Vali Asr-Straße eine altbekannte Melodie durch die offenen Fenster hinein. Das Klangbild elektronisch leicht verzerrt, als spielte jemand auf einem alten Synthesizer, doch lautstark und auch aus der Ferne deutlich zu erkennen, definitiv europäisch. Ich hatte die Melodie nun schon mehrmals in Tehran vernommen. Das erste Mal stand ich am Tag nach meiner Ankunft gerade unter der Dusche, als von draußen das Lied an mein Ohr drang. Etwas irritierend war das schon, diese vertraute Melodie, die vermutlich fast jeder Mitteleuropäer kennt, dessen kleine Schwester irgendwann einmal Klavierstunden genommen hat, hier auf den Straßen der Islamischen Republik Iran zu hören. Irritierend, aber auch angenehm, denn das Klavierstück – auch in seiner hier präsentierten elektronischen Variante – ist mir irgendwo doch so vertraut wie Schwarzbrot und der Hamburger Hafen (um mal ein paar heimatliche Plattitüden zu dreschen). Umso größer war der Aufschrei der Entrüstung, der heute durch den Farsi-Kurs ging, als nach einer Frage an die Lehrerin offenbar wurde, was es mit dieser Melodie auf sich hat: Die Tehraner Müllabfuhr kündigt damit ihr Kommen an, um auch den letzten Messy zu animieren, seinen aschghal auf die Strasse zu bringen. Der gute Ludwig Van wird sich im Grabe umdrehen, denn zu „Für Elise“ wird in Tehran der Müll eingesammelt und abtransportiert! Ey baba!

12 November 2007

Zurück in die Vergangenheit Oder In der Wüste hört dich niemand tanzen!

Wie wohl bekannt sein mag, haben wir zwischenzeitlich unseren zweiten Wochenendausflug bestritten: Ursprünglich wollten wir für zwei Tage in die schiitische Schreinstadt Mashad, ganz im Westen des Landes, nahe der Grenze zu Afghanistan, fahren, doch dann gab es eine Planänderung und die Reise ging spontan in die Wüste (nahe Kashan). Dieser Kurztrip liegt nun schon anderthalb Wochen zurück und bevor ich über täglich neu gelernte Farsi-Vokabeln sämtliche Details des Tour vergesse, hier nun kurz der Rückblick, inklusive Photos. Dabei muss ich zu meiner Verteidigung anmerken, ich hätte schon viel früher geschrieben, wollte aber noch auf einige Bilder von Simon warten. Der ist jedoch zwischenzeitlich für eine Woche nach Deutschland geflogen, sollte heute zurückkehren und wir wissen nicht, ob er es überhaupt schafft, wieder einzureisen (hat man nur ein Einmal-Einreise-Visum ist das nicht ganz einfach). Außerdem habe ich mich gestern bei einer Skype-Konferenz bis 2:30 Uhr morgens leicht verkühlt, weswegen mir Reminiszenzen an die Wüste sehr gelegen kommen.

Wenn man in Teheran lebt, dann mutet eine Wochenendtour in die nächste Wüste äußert reizvoll an; sofort tauchen Bilder und Szenen von einsamen Landschaften, klarer Luft, Abgeschiedenheit und Stille vor dem inneren Auge auf – das krasse Kontrastprogramm also zu diesem 15 Millionenmoloch. Ein erste Indizienkette, dass uns möglicherweise etwas anderes als Stille und Einsamkeit erwarten würde, offenbarte sich uns allerdings bereits wenige Minuten nachdem unser mittelgroßer Minibus mit zugezogenen Vorhängen vom Vanak-Platz gestartet war: Wummernde iranische Popmusik und zwei Iranerinnen die klatschend mit abgelegten ruzaris (Kopftüchern) anfingen zwischen den Stuhlreihen zu tanzen. Ulf, der letztes Jahr schon einmal hier war, hatte mir bereits von den berüchtigten Parteybussen erzählt, die regulär von Teheran in alle Teile des Landes aufbrechen: Vorhänge zu, Musik bis zum Anschlag, Kopftücher runter und ab dafür! Nur einen professionellen Witzeerzähler hatten wir nicht an Bord – alhamduillah! Wahrscheinlich lag es an der nord- oder allgemein deutschen Reserviertheit, die wir insgesamt fünf Deutschen in Bezug auf die Tanzattacke an den Tag legten, dass diese schon nach etwa einer Viertelstunde wieder eingestellt wurde. Was dann abgesehen von einigen kleineren Eruptionen des Hüftenkreisens während der restlichen Tour auch so blieb. Wenn ich mich jetzt aber nicht fehl erinnere, blieben die ruzaris die meiste Zeit über unbenutzt. Vielleicht gibt es eine Anti-Hitzschlag-Passage im Koran, die Frauen, die in die Wüste reisen, dass Ablegen des Kopftuchs erlaubt, mag man anfangs noch gedacht haben, doch wir wurden schnell eines besseren belehrt. That’s Iran, Man!

Hatten wir Deutschen immer noch darauf spekuliert, irgendwo ein stilles Plätzchen in der Wüsten Weite aufzusuchen (der Großteil von uns war irgendwann schon mal in der Weißen Wüste in Ägypten gewesen und hatte wohl von diesen Erinnerungen zehrend seine Wunschvorstellungen angereichert) so entpuppte sich unser Zielort als eine Art Partey-Oase mitten im Nirgendwo einer Geröllöde. Neben einer alten Karawanserei (gerüchteweise noch aus der Zeit von Schah Abbas I.) fanden sich einige von Bäumen umsäumte Wasserbassins (mit einer Horde übergroßer Gänse), um die herum mehrere Betonflächen angelegt worden waren. Semiidyllisch, möchte man sagen, zumindest auf den ersten Blick – und die drei Dutzend kunterbunten Supermarktzelte, die bereits von anderen Reisegruppen aufgestellt worden waren, mal ausgerechnet. Im Laufe der Nacht wuchs die parteyfreudige (oder wie man hier sagt: schabsendehdar) Gemeinschaft dann auf ca. 150 Personen an. Das Dutzend Iraner (darunter Familienväter, Frischverheiratete und Computerprogrammierer mit I-Phone), mit dem wir angereist waren, hatte uns schon zuvor freudig verkündigt, man wolle die Nacht unbedingt durchmachen. Chi? Ich glaube, ich habe das letzte Mal durchgemacht als ich fünfzehn war und schon damals erschien mir das als pubertärer Durchhaltewettbewerb ohne Sinn und Zweck. Wir machen heute durch, coole Sache, dann mal los – bloß dass nach 3:00 eigentlich jeder schlafen will. Offenbar schlagen die Reglements des hiesige Regimes unter der Jugend seltsame Triebe; wenn man keine richtigen Parteys hat, um die Nacht mehr oder minder automatisch durchzumachen, muss eben die Wüste herhalten. Also wurde selbstgebrannter Cognac (zumindest nannten die Iraner es so und nach Aussagen der deutschen Mitreisenden auch durchaus geschmackvoll) und Heinecken herumgereicht, Granatäpfel gelutscht, alte persische Weisen (vielleicht waren es auch die neusten Chartbreaker) am Lagerfeuer gesungen, getanzt, in den Sternenhimmel geguckt – und ausgiebig gekotzt (der arme Omid hatte offenbar zu oft und zu tief in seinen Pappbecher mit Cognac geguckt und hatte daran bis zum Morgen seine reine Freude). Wir sind irgendwann gegen 2:00 ins Charijii-Zelt gekrabbelt, während die iranische Runde zu Omids Kotzklängen wie angekündigt durchmachte.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass die Tour das absolute Highlight nicht gewesen ist und auf meinem persönlichen Ranking hinter der ersten Kashan-Abyuneh-Yazd-Reise rangiert. Das liegt wohl auch daran, dass ich eigentlich etwas gänzlich anderes erwartet hat. Zudem haben wir in etwa 45% der Zeit in unserem Reisebus, 40% der Zeit in der Partey-Oase und gerade mal 15% der Zeit in der Wüste selbst verbracht. Das war dann aber auch durchaus ein Erlebnis. Sandmeere, wie sie im Buche stehen, mit beeindruckenden Dünen und eine karge, in ihren Ausmaßen gewaltige Salzwüste. Des Nachts gab es dann noch einem Myriaden Silbersplittern gleichenden Nachthimmel und einen orangeroten Mond über dem nächtlichen Horizont. Schlecht ist es nicht gewesen, aber auch nicht das Gelbe vom Ei.
Partey-Oase 1Partey-Oase 2Partey-Oase 3Für die Nachweltschabsendehdar...am FeuerKabab, wie immer, diesmal in der KarawansereiSalzwüsteDune RoadSchuhshootingWalk like an EgyptianWüsten WasserWhassa!?The Cell, zumindest nahe dranIch bete es anScherenschnittOben angekommenSunsetspottersDes deutschen Reisenden Lieblingsbeschäftigung