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12 Februar 2008

Nachtrag: Revolutionstag, gestern

Zu den unten erwähnten, quasi mentalitätsgeschichtlichen oder sozialpsychologischen Überlegungen zum Massen-Phänomen "Revolutionstag" in Tehran jetzt aus der Distanz eines Tages noch ein paar profanere Anmerkungen. Nachdem ich heute aus dem Institut gekommen bin, bepackt mit einem Stapel Tageszeitungen, bin ich dem IT-Programmierer Arash begegnet, habe auf die Titelseiten gezeigt und im Scherz gefragt, ob er auch am Azadi-Platz gewesen wäre. Die Antwort war typisch nord-tehranisch: "Divunei? Faghat mardome ahmaghane raftand unja!" Was so viel heißt wie: "Bist du verrückt geworden? Da gehen doch nur gehirnamputierte Leute hin!" Kopfschüttelnd hat er durch die Zeitungen geblättert und kommentiert, dass 80% der Iraner oder gar mehr gegen das hiesige Regime wären. Dann ging er wieder Webseiten basteln. Der Hausmeister schaute dem ganzen etwas belustigt zu, meinte auf meine Frage, er sei dort gewesen (wobei ich mir gut vorstellen kann, dass er lediglich mit einer Buddel selbstgebranntem Whiskey zu hause saß und seinem Traum von mehreren Ehefrauen nachhing) und rief im Scherz "Tod Israel!". Später habe ich dann nochmal ausführlich mit einer iranischen Freundin, Starbucks-Fan und fremd ernannte Feministin, gesprochen, deren Reaktion auf meine Frage, ob sie gestern im Süden der Stadt gewesen sei, ebenso harsch ausfiel wie Arashs Antwort. Wir haben dann aber etwas eingehender über das Phänomen "Massendemos" gesprochen und folgende Aspekte - die eigentlich nur logisch erscheinen, aber dennoch einmal beim Namen genannt werden sollten - will ich der geneigten Leserschaft nicht vorenthalten.

Klar, meinte Ghazal, gibt es auch Leute, die aus ideologischen Gründen zum Regime halten (die Gehirnamputierten, da war sie mit Arash komplett einer Meinung), doch der Großteil der "Revolutionsfans" gestern waren wohl entweder Staatsdiener, sprich "Beamte", oder schlichtweg Mitläufer. Wer hier für die Regierung arbeitet, sei es im öffentlichen Dienst oder in anderen Regierungsunternehmen, der hat definitiv bessere Karten, wenn er den Weisungen der Hand folgt, die ihn (und seine Familie) ernährt. Will heißen: Ich mache mir nur unnötigen Ärger, wenn ich zu so einer Veranstaltung wie gestern nicht hingehe. Wenn der Chef meiner Firma empfiehlt, es sei besser dort Präsenz zu zeigen, alle Demo-Willigen in eine Liste einträgt und Plätze für den vom Staat spendierten Mini- oder Bus reserviert, dann schwimmt man besser nicht gegen den Strom, es sei den man ist scharf auf Mobbing, interessiert sich nicht für Gehaltserhöhungen (man bedenke die rasante iranische Inflation!) und braucht auch keinen Versicherungsschutz. Beim Stichwort "Mitläufer" kommen dann schnell die Basiji ins Spiel, die paramilitärischen Einheiten, die beispielsweise im Iran-Irak-Krieg durch ihre Bereitschaft mit taiwanesischen Paradies-Plastikschlüsseln um den Hals zu Hunderten in irakische Minenfelder zu rennen Bekanntheit erlangten und deren Zahl heute noch in die Hunderttausende und mehr geht. Die Basiji haben in den meisten Schulen und sozialen Einrichtungen eine Anlaufstelle, rekrutieren sich primär aus unteren Schichten und sind zentrales Organisationsmedium, was das Auftreiben von Menschenmaterial für solche Großereignisse wie gestern angeht. Und schließlich redeten wir noch über Obdachlose und Hungernde, die der Staat aus den Dörfern und Ortschaften, die am Rand der größeren Städte liegen, busweise zu solchen Ereignissen kart, mit dem Versprechen, dort gäbe es kostenlos Speis und Trank. (Was auch der Fall war, die Leute haben sich gestern förmlich um Trinkpakete - die auf der Straße vielleicht 10 Cent kosten - und Snacks gerissen.) Mentalität spielt bei solchen Aufläufen gewiss eine Rolle, aber auch der iranische Mensch (vor allem der, der für den Staat arbeitet oder nichts außer Hunger hat) hat auch ein ganz einfaches Leben und damit verbundene Sorgen und Nöte. Deswegen: "Marg bar Amrika! Marg bar Israiil!" Wir verstehen uns.
Die Presse - bzw. ein Teil davon - am Tag danach

11 Februar 2008

Vor 29 Jahren...

Heute war frei und ich war am Azadi.

Schon gestern hatten die meisten iranischen Zeitungen auf der Titelseite darauf hingewiesen: Der 22. Bahman 1386 stand ins Haus. Der Jahrestag der Islamischen Revolution von 1979. Bei der regierungstreuen Keyhan (siehe auch Photo) hörte sich das in etwa so an: „Die Menschen wiederholen den Kampfesmut des Monats Bahman: Morgen alle gemeinsam auf dem Fest der großen Revolution“. (Auf Farsi klingt das dann so: mardom hamaseye bahman ra tekrar mikonand: farda hame ba ham dar dschaschne bozorge enghelab.) Wie es sich für Keyhan – die man als Nord-Tehraner eigentlichen gar nicht lesen kann, ohne schräg angeguckt zu werden – gehört, wurde der Revolutionstag besonders euphorisch angekündigt: Frauen und Männer, Alte und Junge, in Tehran, anderen Städten, gar in Dörfern würden gemeinsam freudig auf die Straßen stürmen, um die Revolution zu feiern und sich innigst eine Erneuerung der Ereignisse von 1979 herbeisehnen.

Soviel vorab. Ich hätte diesen kollektiven Freudentanz dann fast verpasst, da ich gestern bis ca. 4:00 Uhr hiesiger Zeit wach war (ja Skype-Konferenzen mit Deutschland können sich ziehen). Kurz vor dem Wegdämmern habe ich dann auf meinem Handy eine SMS von einer der deutschen Studentinnen entdeckt, in der es hieß, Ahmadinedschad würde morgen um 11:00 Uhr am Meydune Azadi, sprich „Platz der Freiheit“, eine Rede an die Nation halten. Da war natürlich schnell klar, dass aus Ausschlafen nichts würde werden, denn bis dato ist Dr. Tiefbau in Tehran selbst relativ wenig in Erscheinung getreten (auch wenn inzwischen, wo der Wahlkampf an Fahrt gewinnt, sein Konterfei von großen Plakaten über die Plätze dieser Stadt blickt).

Gleich den iranischen Scharen, wollten als auch die ausländischen Studenten zu diesem Großereignis strömen; vom Tajrish und Haft-e Tir, von Vali-ye Asr und Parke Melat. Per Khatti-Taxi ging es Richtung Azadi, doch wie zu erwarten waren die Zufahrtsstraßen so überfüllt, dass die Fahrer ihre Passagiere an irgendwelchen vorgelagerten Plätzen und Kreuzungen neben Massen von Basiji-Bussen auf die Straße spuckten. Was das Einfinden an vorher vereinbarten Treffpunkten angeht, natürlich nicht wirklich ideal. Selbstverständlich funktionierte das bei uns Studenten so beliebte IranCell-Handynetz (wie bei jedem größeren Ereignis in Tehran) auch nicht mehr, weswegen wir alle einzeln irgendwo strandeten und dann in den Sog der Masse gerissen wurden. Letztlich war ich mutterseelenallein in einem Meer von Hunderttausenden Revolutionsfans. Afarin!

Schon im Taxi kamen über’s Radio Live-Berichte vom Azadi. Jugendgruppen, Institutsleiter, Familien und viele mehr taten ihre Meinungen kund. Mein Favorit war eine Frau, die nur zu sagen wusste: „Ich liebe die Revolution!“ Dann zögerte, sich überfordert selbst fragte: „Was soll ich sagen?“ Und dann lautstark ins Mikro rief: „Tod Amerika!“ Aha, soviel dazu. (Aber wahrscheinlich wäre ein tiefschürfenderer Kommentar im staatlichen Radio auch gar nicht erwünscht gewesen.) „Marg bar Amrika!“ bzw. „Marg bar Israiil!“ (d.h. „Tod Amerika“, „Tod Israel“) war, wie bei Veranstaltungen dieser Art üblich, natürlich der slogan of the day. Schon im Taxi sitzend wurde ich darauf eingestimmt. Wird schon nicht so schlimm werden, dachte ich. Wurde es auch nicht, aber als Europäer alleine in einer vorwiegend schwarz gekleideten Menschen(un)menge, kann man sich beizeiten doch etwas… fremd vorkommen. Obwohl, es gab auch diverse Luftballonverkäufer, zumindest ein kleiner Grund zur Farbenfreude; und die unzähligen Zionisten- und Uncle Sam-Puppen (die heute allerdings nicht verbrannt wurden) waren auch vergleichsweise farbenfroh. Zu meiner Überraschung gab es sogar einen großen Stand, wo zum „Wettbewerb für Anti-Amerika&Israel-Puppen“ aufgerufen wurde (siehe Photo). Findig muss man sein, vielleicht lässt sich das ja auch schon eigenständiges Fach studieren: USA-Puppenbau, und im Master: Flagen-Verbrennen.

Irgendwann habe ich mich dann von den Menschenmassen einfach fort spülen lassen und bin dann tatsächlich noch vor die Redner-Bühne getrieben worden, wo Ahmadinedschad ab kurz nach 11:00 Uhr für mehr als eine Stunde über Imame, Ungerechtigkeit, Reformen und die von ihm initiierte und inbrünstig angetriebene iranische Telefonproduktion schwadronierte. (Für die rasche Rückkehr des 12. Imam Mahdi, dem schiitschen Messias quasi, hat er, wenn mich nicht alles täuscht, allerdings einleitend nicht gebetet, wie ja hier und da immer wieder felsenfest behauptet wird, dies gehöre zum Standardrepertoire des internationalen Rumpelstilzchens.) Ich habe von dem Spektakel einige Kurzvideos gemacht, bin mir aber nicht sicher, ob ich sie problemlos in den Blog geladen bekomme. Leider hatte ich meine Kamera gerade nicht zur Hand, als das schwarze Menschenmeer plötzlich in bester Katechismus-Manier seinem Präsidenten auf Fragen wie „Sind wir müde?“ antwortete „Nein, nur Amerika ist müde!“ oder rief „Atomenergie ist das Recht der Muslime!“. Als das Thema dann auf Israel zu sprechen kam (ich bin mir nicht sicher ob heute auch der Einsatz von Radiergummis gepredigt wurde) war ich dann vorbereitet und habe einen schönen „Marg bar Israiil“-Chor aufs digitale Celluloid gebannt. Ein wenig irritierend ist es schon, wenn plötzlich Hunderttausende Kehlen um einen herum brüllen: „Tod Israel!“. Andererseits, vielleicht ist es auch nur eine Marotte der Tradition, eine Phrase, ohne viel dahinter. So wie man beim Karneval halt ruft, „Kölle alaaf!“ oder bei irgendwelchen Reggae-Parties in Kingston, „Bun battybwoy!“ – ohne wirklich homophob zu sein oder zu wissen, dass Fürst Metternich 1635 dem Kölner Kurfürsten nur klar machen wollte, Köln vor allen anderen.

Mit Ende der Telefon-Hymne löste sich die Veranstaltung dann ziemlich rasch auf, bzw. verwandelte sich in einen ausgedehnten Picknick-Flickenteppich rund um das Azadi-Monument - was nicht heißt, dass der Iraner an sich nicht auch schon bei der Rede seines sechsten Präsidenten beizeiten herzhaft in sein Barbari-Brot gebissen oder Bohnen gelutscht hätte. Eventuell trifft es deswegen auch nicht 100%ig, wenn man von „Revolutionsfans“ spricht, möglicherweise ist „Massenmensch“ (mit allen Implikationen, auch wenn sie dem über-individualisierten Westler eher fremdartig erscheinen mögen) besser geeignet, um den Charakter solcher Ereignisse zu erfassen. Sei es, wie es vielleicht nicht ist, ich bin dann auch wieder Richtung Norden aufgebrochen (und hätte mich das erste Mal in dieser Stadt fast verlaufen, doch hat mich die alte Divise, „Immer bergauf“ schließlich wieder auf Kurs gebracht). Schön war’s hier oben nicht nur Tschadoris, sondern wieder die gesunde Mischung von Ganzkörperschleiern, verrutschten Kopftüchern, getunten Mecki-Frisuren und über der Hose getragenen Damenstiefeln zu sehen - letzteres, was die Botschaft angeht, inzwischen schon fast zu vergleichen mit Che Guevara-Hemden vergangener Zeiten in Europa, vor allem deswegen, weil dieser Kleidungsstil vor einigen Wochen verboten wurde. Dafür darf man aber seit einigen Tagen wieder in Cafés rauchen. Jaha, da ist der Iran doch fast moderner als Deutschland! Und mit diesem Satz, kann man doch gut einen Bericht über den 28. Jahrestag der islamischen iranischen Revolution beschließen. Gute Nacht & shab bekheyr!


Kayhan-Titel von gesternAuf dem Weg ins GetümmelUnd los geht's!Hoffentlich kein Hajj-Brücken-Erlebnis, habe ich kurz gedacht...MenschenmeerNoch mehr MenschenmehrBuntSchwarzWie damals mit Khomeinis Wagen...Ballons!!!Live vor OrtAufgeknüpft - doch das ist erst der Anfang...Puppen-WettbewerbAzadi MonumentUnter der FreiheitFrüh übt sich...Dr. Tiefbau (der braune Punkt da in der Mitte - hab ich auch erst auf dem Photo entdeckt... ;- ))Auf Israel sitzt's sich viel bequemer...Mutig, mutig - mit der Jacke!Soldaten im Anmarsch...Mullah und HampelmannUnd nochmalGitterbertbaum